Chronik

Entstehungsgeschichte des Maintal-Sängerbundes

Die Anfänge der Chorbewegung
Die Gründung des Maintal Sängerbundes
Das erste Bundesfest
Der Main-Sängerbund entsteht
Krieg und Frieden
Der Main-Spessart Sängerbund
Die Gründung des Hessischen Sängerbundes
Der Sängergau Franken
Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg
Zu neuen Ufern
1973 – 1983
1983 – 1988
1988 – 1993

Die Anfänge der Chorbewegung

Seit grauer Vorzeit hat man dem Mann als besonderen Gefühlsausdruck das Singen zuerkannt. Vom Kampfgesang der Germanen über das karolingische Ludwigslied, die Minnesänger und Meistersinger, über Lützows wilde verwegene Jagd bis hin zur Zelterschen Liedertafel spannt sich der musikalische Bogen.

Und wo sind bei dieser Geisteshaltung die Frauen einzuordnen? Frauengesang ist seit den frühen Hochkulturen in Mesopotamien und dem Niltal bis hin zur frühen christlichen Kirche nachweisbar. Durch die Herabsetzung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen und ihre Verdrängung aus dem Kirchendienst verschwindet auch der Frauengesang aus dem öffentlichen Leben. Außerhalb der Klostermauern oder Mädchenschulen tritt die Frau erst wieder Anfang des 19. Jahrhunderts als Chorsängerin ins Rampenlicht. Bis dahin werden Sopran- und Altstimmen von Knaben oder Kastraten übernommen. Die romantische Oper schafft neue Ansätze. Karl Maria von Webers “Brautchor”, Wagners “Chor der Spinnerinnen” und Verdis “Chor der Priesterinnen” werden zu echten Hits in der Geschichte des Gesanges. Aber noch 1900 schreibt Meyers Konversationslexikon, daß Damengesangvereine sehr selten seien. So liegt auch bis heute nur wenig Originalliteratur für diese Chorgattung vor.

Die Gleichstellung der Frau im Berufsleben, ihr steigendes Selbstbewußtsein und vor allem ihre finanzielle Unabhängigkeit lassen den Wunsch nach einem eigenen Chor aufkommen. Ab etwa 1950 entstehen immer mehr Frauenchöre, meist jedoch als Chorgruppe an einen Traditionsverein angegliedert. Gefördert wird die Tendenz durch das nachlassende Interesse der Männer an ihrer früheren Spezialdomäne und häufiges Fehlen bei den Proben. Plötzlich wird der Frau ein Feld kampflos überlassen, das man ihr fast hundert Jahre zu betreten verwehrt hatte. Im Jubiläumsjahr 1983 sind im Maintal Sängerbund folgende Frauenchorabteilungen gemeldet: Alzenau, Bürgstadt, Dettingen, Glattbach, Goldbach, Hessenthal, Hösbach, Kleinostheim, Klingenberg, Mainaschaff, Miltenberg, Niedernberg, Obernau, Oberbessenbach und Stockstadt.

Zurück zu den Männergesangvereinen. Die Berliner Liedertafel wird Vorbild für weitere Gründungen, deren Mitglieder sich zuerst aus Künstlerkreisen rekrutieren. Man will mehrstimmige Kompositionen für Männerquartette schaffen und pflegt exklusive Geselligkeit. Zur gleichen Zeit setzt in der Schweiz auf volkstümlicher Grundlage eine ähnliche Bewegung ein. Hans Georg Nägeli ist ihr Vater. Sein Gedankengut greift auf Süddeutschland über – die ersten Männerchöre entstehen. Auch in Norddeutschland hat sich die elitäre Liedertafel langsam zum Männerchor hin entwickelt. In unserem Raum gründete man den ersten Gesangverein 1825 in Hanau. Es folgen 1826 Offenbach, 1838 Frankfurt, 1839 Aschaffenburg, 1943 Lohr, 1844 Eschau und 1846 Amorbach.

Es sind zwei Säulen, die die neue Chorbewegung tragen: einmal die Romantik mit dem Sichhinwenden zu Natur und Heimat, zum andern die vaterländische Komponente. Die Menschen haben erkannt, daß das mit hohem Blutzoll erkämpfte Vaterland aller Deutschen auf dem Wiener Kongreß verschaukelt und vertanzt wurde. So schafft man sich ein ideelles Vaterland mit dem gemeinsamen Lied. Die mißglückte Märzrevolution von 1848 ist ein weiterer Anlaß zu vaterländischem Wunschdenken. Nicht nur die innerdeutschen Grenzen soll der Gesang überwinden. Auch in fremden Landen finden sich deutsche Auswanderer zu Gesangvereinen zusammen und suchen im Lied Verbindungen zur alten Heimat. In den neu gegründeten Chören wird das Liedgut von Beethoven, Kreutzer, Schubert, Schumann und den Zeitgenossen Abt, Loewe, Mendelssohn, Silcher und Zelter gepflegt. Weiter singt man vaterländische Lieder, deren Komponisten heute nicht mehr bekannt sind. Aber auch Oper und Konzertsaal sind mit Melodien von Biszet, Flotow, Gounod, Lortzing, Meyerbeer, Verdi, Wagner und Weber auf den Festprogrammen vertreten.

Die Gründung des Maintal Sängerbundes

Am 28. Oktober 1858 begeht der Männerchor Polyhymnia Offenbach sein 25-jähriges Jubiläum im Kreise der Nachbarvereine. In der Euphorie jenes Festes regt Friedrich Küchenmeister, der Vorsitzende des Jubelchores, die Gründung einer übergeordneten Sängervereinigung an. Er findet begeisterte Zustimmung. Man vereinbart ein Treffen für den 5. Dezember 1858. Dreizehn Vereine aus Hessen, Preußen und Bayern entsenden dazu ihre Vertreter: Melomania Aschaffenburg, Liederkranz und Frohsinn Friedberg, Harmonischer Sängerkranz, Melomania und Sängerlust Darmstadt; Frohsinn Hanau sowie Concordia, Heiterkeit, Polyhymnia, Sängervereinigung, Sängerkranz und Sonntagsverein Offenbach.

Der an diesem Tage ins Leben gerufene Zusammenschluß nennt sich Untermaintal Sängerbund. Doch aus Furcht vor dem Bürokratismus und der Kleinlichkeit der einzelnen Regierungen ändert man den Namen bald in Maintal Sängerbund ab. Friedrich Küchenmeister wird zum ersten Vorsitzenden gewählt und Offenbach zum Sitz der Organisation bestimmt. Hauptaufgabe des Bundes soll die Pflege von Freundschaft und Geselligkeit über die Ländergrenzen hinweg sein.

Das erste Bundesfest

Am 4. September 1859 feiert die taufrische Sängervereinigung ihr erstes Bundesfest in Aschaffenburg. 25 Vereine sind in die bayerische Stadt gekommen. Den Sängern aus Hanau hat die preußische Regierung die Teilnahme verboten. Der Chor ist nur mit einer kleinen Delegation vertreten. Dies ruft in Erinnerung, wieviel eiserne Vorhänge es seinerzeit in dem von Kleinstaaten zerrissenen Deutschland gab, und dass sehr viel Mut dazu gehört hat, einen Sängerbund zu gründen, der diese Grenzen überspringt.

Der Mainzer Anzeiger hat über das erste Sängertreffen eine vernichtende Kritik veröffentlicht. Sei es, dass der Journalist, der gemeinsam mit vielen Mainzer Sangesfreunden per Extra-Dampfer gekommen war, nicht genug Beachtung fand, sei es, dass wirklich manches im Argen lag oder aber, dass die Mainzer noch nicht verkraftet hatten, daß die jahrhundertelang als Sommerresidenz der Mainzer Erzbischöfe fungierende Stadt nun vom feindlichen Bayern annektiert worden war – wer weiß das heute noch?

Zwei Jahre später fasste der Maintal Sängerbund einen für sein späteres Wachstum verhängnisvollen Beschluß folgenden Inhalts: in den Bund dürfen nur Vereine aus Städten aufgenommen werden, die selbst ein Bundesfest ausrichten können. Dies schloss von Anfang an alle ländlichen Chöre aus. 1892 stellte Hanau den Antrag, zumindest besser situierte Landvereine zuzulassen – doch ohne Erfolg.

Friedrich Küchenmeister führte den Maintal Sängerbund bis zum Jahre 1868. Dann wurde der Sitz desselben nach Darmstadt verlegt. Am 21. September 1862 war in Coburg »unter hervorragendem Anteil des Maintal Sängerbundes« der Deutsche Sängerbund ins Leben gerufen worden. Aus freiwilligen Beiträgen der Mitgliedsbünde entstand 1877 eine Stiftung zugunsten der Komponisten und deren Hinterbliebenen: die GEMA war geboren.

Der Main-Sängerbund entsteht

Auch auf dem Lande fühlt man, daß ein Zusammenschluss der Sängersache dienlich sei. Federführend sind dabei die Erlenbacher Sänger unter Franz Bardroff und der gerade ein Jahr alte Klingenberger Chor. Am 24. Juli 1864 trifft man sich mit einigen Nachbarvereinen in der Brauerei Geiger zu Klingenberg und hebt den “Main-Sängerbund” aus der Taufe. Das »von echter patriotischer Begeisterung getragene Ereignis« wird mit einem Brillantfeuerwerk gewürdigt, einem großartigen Ereignis für jene Zeit. Vier Gulden und 36 Kreuzer verpuffen in dieser Sommernacht über der alten Burgruine in leuchtender Farbenpracht.

Ein Jahr später trifft man sich zum ersten Bundesfest am 16. und 17. Juli 1865 in Wörth. Die Veranstaltung »nimmt einen imposanten Verlauf« und endet mit einem Ausflug in das hessische Seckmauern. Wie lange der Main-Sängerbund existierte, war nicht zu ermitteln. Angehört haben ihm mit Sicherheit folgende Chöre: Liederkranz 1854 Erlenbach, Gesangverein 1863 Klingenberg, Männerchor 1863 Großwallstadt, Sängervereinigung 1864 Trennfurt, Gesangverein 1858 Wörth – wahrscheinlich aber noch mehr Chöre der Umgebung. Zwar besucht man auch die Veranstaltungen des Maintal Sängerbundes, doch zum offiziellen Beitritt wird als erster Chor Klingenberg im Jahre 1902 zugelassen.

Krieg und Frieden

Die kriegerischen Ereignisse der Jahre 1866 – 1871 bleiben nicht ohne Einfluß auf das Sängerleben. Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Reiches unter Preußens Schutz und Schirm glaubt man sich dem Ziel des geeinten Vaterlandes greifbar nahe. Man schart sich um Sedanslinden und gedenkt der gefallenen Sangesfreunde. In dieser Zeit erklingen Chöre wie: “Deutschland, sei wach”, “Deutscher Heerbann”, “Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd”, “Die Wacht am Rhein”, “Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod”.

Ab 1874 finden keine Bundesfeste mehr statt. Der Main-Sängerbund scheint in Schwierigkeiten geraten zu sein, ja man liest sogar von vorübergehender Auflösung. Im Jahre 1882 betreibt man von Aschaffenburg aus die Wiederbelebung. Seminarlehrer Wahl aus Friedberg gelingt dieses Werk und 1884 treffen sich die Sänger wieder zu ihrem neunten Bundesfest in Offenbach. Aber schon 1896 wird erneut der Antrag auf Auflösung des Mainial-Sängerbundes gestellt. Die Mehrheit der Delegierten lehnt dieses Ansinnen jedoch ab.

Wahrscheinlich haben Bismarcks Sozialistengesetze Mitschuld an den Problemen, denn bis in die Sängerfamilie dringt der Klassenkampf ein. Die ersten Arbeitergesangvereine werden gegründet. Sie geben diesem diskriminierten Berufsstand eine neue Heimat und werden manchem politisch engagierten einfachen Mann vordergründig zum gefahrlosen Treffpunkt mit Gleichgesinnten. Bis nach dem ersten Weltkrieg reicht diese Tendenz.

Dachorganisation ist der Deutsche Arbeiter-Sängerbund. Im Gebiet des heutigen Maintal-Sängerbundes entstehen die Arbeitergesangvereine Edelweiß Mainaschaff 1893, Bruderkette Schaafheim 1903, Vorwärts Kahl 1911, Sängerlust Stockstadt 1913, Sängerlust Frammersbach 1927, Gesangverein Eisenbach 1928.

Die Stockstädter Chronik berichtet von der Armut der Chormitglieder. Sogar die Noten habe man sich bei Nachbarvereinen ausleihen müssen.

Zwar versuchen aufgeklärte Menschen, dieser Zwietracht entgegenzuwirken. Präsident Ludwig André aus Offenbach ist einer dieser Idealisten. In seiner Rede zum 15. Bundesfest anno 1904 in Klingenberg führt er aus, dass der Gesang die sozialen Gegensätze ausgleiche. Bei Sängern gebe es keine Klassenunterschiede und keine konfessionellen Probleme. Alle Kreise verbinde das Lied gleichermaßen. Aber nicht jeder denkt so großzügig. In der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des Bundes von 1933 liest man: »Damals kehrten viele Sänger, politisch geblendet und irregeleitet, dem Sängerbund den Rücken und suchten in Arbeitergesangvereinen ihr Heil«.

Doch zurück zu Ludwig André. Er entstammt dem bekannten, noch heute in Familienbesitz befindlichen Musikverlag Johann André in Offenbach und ist neben seiner Tätigkeit als Präsident des Maintal Sängerbundes auch als Komponist hervorgetreten. Seine Chorsätze, Militärmärsche, Tänze und Singspiele, wurden oft und gerne aufgeführt. Von Ludwig André stammt auch der Spruch des Bundes:

Herz und Lied
Frisch, frei, gesund,
Bewahr allzeit dir
Maintal Sängerbund.

Im Jahre 1903 wird das Amt des Bundeschormeisters geschaffen und Musikdirektor Georg Friedrich Schmitt, der von 1888 – 1899 Präsident des Sängerbundes war, damit betraut. Vorher hatte man von Fall zu Fall für die einzelnen Bundesfeste einen Festdirigenten bestimmt.

Auch nach dem ersten Weltkrieg gibt es Probleme. Der Offenbacher Bürgermeister Philipp Porth, langjähriger Vorsitzender des Maintal-Sängerbundes, kämpft verzweifelt um die Existenz desselben. Auf dem Deutschen Sängertag in Hannover im Jahre 1924 wird ihm nochmals ausdrücklich das Recht auf Selbständigkeit für seinen Bund zugesichert, da dieser Gründungsmitglied des Deutschen Sängerbundes sei. Doch was nützt das, wenn ein Mitgliedschor nach dem anderen abspringt.

Der Main-Spessart Sängerbund

Neben den traditionsreichen und finanzkräftigen Vereinen sind im Laufe der Jahrzehnte viele neue Chöre entstanden. Ihrer Aufnahme in den Maintal Sängerbund steht jenes Statut vom Jahre 1861 entgegen. So gründen »die armen Verwandten« am 5. Dezember 1920 in Schweinheim eine eigene Vereinigung unter dem Namen Main-Spessart-Sängerbund. Zwar stellen die Klingenberger den Antrag, die Neugründung als Gau dem Maintal-Sängerbund anzugliedern, doch ohne Erfolg. Führend in der neuen Sängervereinigung wird Lehrer Gräf aus Steinbach. Ziel des Bundes ist die Förderung der gesanglichen Leistung. 1923 übernimmt Hauptlehrer Otto Bauer aus Kleinwallstadt den Vorsitz. Er gewinnt Studienrat Heinrich Weigand aus Frankfurt als Bundeschormeister. Nun setzt eine planmäßige Schulung der Dirigenten ein. Das Wertungssingen wird neu gestaltet und in seine derzeitige Form gebracht. Noch heute gilt der Main-Spessart-Sängerbund sozusagen als “Erfinder des Wertungssingens”. Damals aber will man beim Deutschen Sängerbund noch nichts von den Main-Spessart-Sängern wissen. Alle Aufnahmeanträge werden abgelehnt mit dem Hinweis, daß der Maintal Sängerbund das Alleinvertretungsrecht dieses Gebietes habe. 1927 Iöst die Vorstandschaft freiwillig den Main-Spessart-Sängerbund auf. Alle Chöre treten dann einzeln dem Maintal-Sägerbund bei. So ist der Form Genüge getan. Auch die Chöre, die sich dem Fränkischen Sängerbund angeschlossen hatten, kehren zum Maintal Sängerbund zurück. Trotzdem verliert derselbe bald darauf seine Selbständigkeit.

Die Gründung des Hessischen Sängerbundes

Im Jahre 1924 kommt es zur Gründung eines weiteren Sängerbundes. Auf Initiative des Ministerialrates Dr. Rudolf Siegert entsteht am 26. Oktober 1924 der Hessische Sängerbund mit Sitz in Darmstadt. In der Satzung dieses Bundes heisst es, daß nicht-hessische Chöre nur dann aufgenommen werden können, wenn sie Mitglied einer in Hessen bestehenden übergeordneten Organisation sind. Dies trifft für die im Maintal-Sängerbund organisierten bayerischen Chöre zu, denn dieser hat seinen Sitz wieder in Offenbach. Bald findet man den einst selbständigen Bund samt all seinen Mitgliedschören als Gruppe I, Gau 1 bis 6, in der Hessen-Organisation.

Im Jahre 1928 veranstaltet man ein Maintal-Bundesfest in Schweinheim und verlegt den Sitz des Bundes endgültig nach Aschaffenburg. Die Stadt wird Mittelpunkt der im Aufwind befindlichen Chorvereinigung, denn auch der Kahltalsängergau hat sich angeschlossen.

Bundesvorsitzender Otto Bauer beendet im Festbuch von 1933 seine interessanten Ausführungen über die Geschichte des Sängerbundes mit den Worten:

Was ernster Eifer treibt, was fester Wille hebt,
was unermüdlich stets begeistert höher strebt,
was Lieb und Eintracht treu und fest zusammenhalten,
muß immer kräftiger und schöner sich gestalten.

Doch der Idealist hat seine Rechnung ohne die Politiker gemacht. Was am 30. Januar 1933 noch wie eine Zukunftschance aussah, zeigt bald ein ganz anderes Gesicht.

Der Sängergau Franken

Mit Satzung vom 15. Oktober 1933 wird der Sängergau Franken als Gau 18 des Deutschen Sängerbundes ins Leben gerufen. Alle Gesangvereine, die im Deutschen Sängerbund organisiert waren, werden dieser Neuschöpfung zwangsweise zugewiesen. Der Gau umfasst die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken, Mainfranken und den nördlichen Teil der Oberpfalz und hat seinen Sitz in Nürnberg. Dies bedeutet den Abschied vom hessischen Sängerbund und den traditionsreichen Vereinen aus Darmstadt, Offenbach etc., mit denen man 75 Jahre eng verbunden war.

Den im Sängergau Franken zusammengefassten Chören dürfen laut Satzung nur Mitglieder angehören, die ihre arische Abstammung nachweisen können und nicht jüdisch versippt sind. Die Sängergaue gliedern sich in Kreise, diese wiederum in Sängergruppen. Die Geschäfte des Gaues führt ein vom Gauführer berufener Führerrat. Von Wahlen ist in der Satzung nicht mehr die Rede, alles wird verfügt, ernannt, bestimmt. Man bemüht sich, die traditionsreichen Vereine einer Stadt zum Zusammenschluß zu bewegen, denn »… der Vereinswirt, die zwei Fahnen, der altehrwürdige Name, das sind äußerliche Dinge… wichtig ist nur, daß die Gesangvereine ihre große kultur- und staatspolitische Aufgabe erfüllen«, schreibt der neuernannte Pressewart in der Aschaffenburger Zeitung. Neues Liedgut kommt auf. Man singt “Volk will zu Volk”, “Herr laß uns kämpfen”, “Land meiner Väter”, “Grenzlandschwur” – und ähnliche Neuschöpfungen.

Die Auswirkungen der neuen Linie auf die einzelnen Chöre sind unterschiedlich. Während zum Beispiel der Arbeitergesangverein Vorwärts Kahl verboten und sein Vermögen beschlagnahmt wird, gelingt es den meisten Chören, ihr bisheriges Dasein weiterzuführen. Schließlich verfügt man über genug vaterländisches Liedgut, um den gelegentlichen Auftritten bei offiziellen Anlässen gerecht zu werden. Und die Sänger selbst haben sich ja nicht verändert, nur die politische Landschaft. Bald macht der Ausbruch des großen Krieges eine geregelte Probenarbeit unmöglich. Viele Aktive werden eingezogen, die Probelokale dienen als Notlazarett, Flüchtlingslager oder sonstige Unterkunft. Und den meisten Deutschen ist das Singen sowieso vergangen.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg

Bundesschriftführer Werner Franck aus Lohr hat für das hundertjährige Jubiläum des Bundes über den Neubeginn nach dem großen Krieg folgendes zusammengestellt: »Der Krieg ist zu Ende. Hunderte von Sängern sind auf den Schlachtfeldern, im Bombenhagel oder in Lagern umgekommen, viele blieben verschollen. Das Chaos in der Heimat, die ganze verworrene Lage taten ein übriges, um nur ganz zögernd die Gesangvereine wieder zum Leben kommen zu lassen«.

Aber sie waren nicht tot. 120 Vereine zählt der Maintal Sängerbund 1946. Mit Laufachs zweitem Bürgermeister Fuß als Vorsitzendem, dem späteren Ehrenvorsitzenden Adolf Lang als seinem Vertreter und Johann Scheuermann aus Aschaffenburg-Damm wird eine neue Bundesvorstandschaft gebildet. Sie bleibt ein gutes Jahr im Amt. Dann wird Adolf Lang zum ersten Vorsitzenden und August Winter aus Klingenberg zum zweiten Vorsitzenden berufen. Der Aschaffenburger Studienrat Franz Büchinger übernimmt das seit 1937 verwaiste Amt des Bundeschormeisters. Geschäftsführer wird Gabriel Englert aus Großostheim.

Unter Adolf Lang festigt sich der Maintal Sängerbund zu seiner jetzigen Form. 6.000 aktive Sänger in 170 Vereinen, eingeteilt in sieben Sängerkreisen, gehören ihm an. 1953 tritt Franz Büchinger zurück und Dr. Karl Friedrich Leucht, der Leiter der Aschaffenburger Musikschule, wird sein Nachfolger. 1957 muß Adolf Lang aus gesundheitlichen Gründen von seinem liebgewordenen Posten scheiden. Seine Stelle nimmt Studienrat Georg Porzelt aus Lohr ein.

Zu neuen Ufern

Die neue Führungsspitze ergänzt sich hervorragend. Der Maintal Sängerbund kann sich voll zu dem entfalten, was er heute als Selbstverständlichkeit repräsentiert: eine Organisation, deren Ziel es ist, kulturell zu wirken und wertvolles Volksgut zu pflegen.

In den Jahren zwischen 1918 und 1945 hat sich neben den geschilderten Ereignissen noch etwas verändert: Die Frauen dringen langsam aber stetig in die Männerdomäne Gesangverein ein. Waren gemischte Chöre vor 1914 eine Seltenheit und meist nur auf Städte begrenzt, so findet man bei Durchsicht der Akten von diesem Zeitpunkt ab da und dort einen Hinweis, dass man eine “Gemischte Chorgruppe” angegliedert habe, weil es an Männerstimmen fehlte. Ein weiterer Grund ist die Entwicklung nach 1933. Mancher Kirchenchor beendet sein Dasein unter dem Druck der politischen Lage. Die Sängerinnen finden in den neugegründeten Gemischten Chören eine Heimat. Außerdem kann man ganz unauffällig die hohen kirchlichen Feste weiterhin musikalisch ausgestalten.

Den endgültigen Durchbruch schafft der Gemischte Chor nach dem zweiten Weitkrieg. Einmal hat der Tod große Lücken in die Schar der aktiven Sänger gerissen, zum anderen hat die Frau erkannt, welchen Stellenwert sie innerhalb der Gesellschaft einnehmen kann. Auf breiter Basis beginnt die Umwandlung der traditionellen Männerchöre zu gemischten Chören. Dass ein solcher Prozeß nicht ohne Schwierigkeiten und menschliche Probleme vor sich geht, davon wissen die weiblichen Gründungsmitglieder dieser Chorgattung ein Liedchen zu singen.

Mit der neuen Chorsparte wandelt sich auch das Liedgut. Zeitgenössische Komponisten schaffen neben guten Volksliedsätzen moderne und anspruchsvolle Chorliteratur. Daß diese nicht für das Festzelt geeignet ist, erkennt man bald. Ab 1963 geht man unter Bundeschormeister Dr. Karl Friedrich Leucht neue Wege. Kein riesiges Bierzelt erwartet die teilnehmenden Vereine.

Man trifft sich als Mitwirkender oder Zuhörer bei einem großen Festkonzert und bei vielen Chorkonzerten in verschiedenen Sälen und Kirchen. Allen Unkenrufen zum Trotz werden diese Chorfeste ein voller Erfolg und für die Arbeit der Bundesführung richtungsweisend.

1973 – 1983

Den Ehrenvorsitz des MSB hat Georg Porzelt inne. Bundesvorsitzender ist Gerhard Hofmann. Er führt den Sängerbund seit 1973 nach zeitgemäßen und demokratischen Richtlinien. Als zweiter Mann steht ihm Gerhard Streblow zur Seite. Für die musikalischen Probleme zeichnet Karl Heinz Schmitt als Bundeschormeister verantwortlich. Er lenkt Chorleiter und Chöre mit behutsamer Hand und erzielt damit kulturelle und menschliche Erfolge. Ehrengeschäftsführer Gabriel Englert stellt seine bewährte Schaffenskraft für diverse Aufgaben zur Verfügung. Die Geschäftsführung liegt seit 1977 in den Händen von Georg Kraus. Er macht sich um die Modernisierung und Automatisierung der Verwaltung verdient und redigiert seit 1974 das Mitteilungsblatt. Emil Pfeifer ist ein gewissenhafter und fleißiger Schriftführer. Heinrich Keil ein verläßlicher Buchhalter des Bundes. Das im Jahr 1974 neu geschaffene Amt der Frauenvertreterin versucht Gudrun Berninger mit Leben zu erfüllen. Burkhard Schmitt widmet sich seit 19xx mit gutem Erfolg der Jugendarbeit.

Dem Bundesmusikausschuss gehören an: Peter Behl, Krombach; Karl Böhm, Erlenbach; Waldemar Hauck, Lohr; Robert Pappert, Obertshausen; Eugen Petermann, Miltenberg; Walter Scholz, Hanau-Steinheim; Erich Peter Stein, Hösbach und Josef Willems, Alzenau.

1983 – 1988

Neu in der Bundesführung sind Helmut Holzer und Rosi Aulbach. Helmut Holzer bekleidet seit dem Sängertag 1986 das Amt des zweiten Vorsitzenden. Zusätzlich hat er die Bearbeitung der Ehrungsanträge übernommen. Rosi Aulbach ist im Herbst 1987 als Jugendreferentin berufen worden und widmet sich der vielschichtigen Probleme der Jugendarbeit.

Viel neues ist in den letzten Jahren auf dem musikalischen Sektor geschehen. Zusätzlich zu den alljährlich stattfindenden Chorleiterschulungen werden zwei weitere Lehrgänge pro Jahr in der Bayerischen Musikakademie in Hammelburg angeboten. Als Pioniertat gilt die vom MSB organisierte Ausbildung staatlich geprüfter Laien-Chorleiter. Drei Damen und neun Herren haben dieses Ziel am 5. April 1987 nach zehn Lehrgängen und einer dreitägigen Fachprüfung als erste in Bayern erreicht.

Für die Vereinsarbeit erweisen sich die verschiedenen Kurse, in denen das Singen vom Blatt gelehrt und Stimmbildung praktiziert wird, als sehr erfolgreich. Sie werden von den Aktiven aller Altersstufen angenommen und sind, ebenso wie die Chowochenende für Erwachsene und Jugendliche, stets ausgebucht.

Seit dem Frühjahr 1986 verfügt der MSB über eine Ehrenmedaille, die für herausragende Verdienste verliehen wird. Sie trägt das Bildnis des am 26.11.1982 verstorbenen Bundeschormeisters Dr. Karl Friedrich Leucht und wahrt das Andenken an diesen befähigten Musiker.

Auch die Jugendarbeit erfährt neue Impulse. Anregungen in Fülle bieten die 1985 in Aschaffenburg durchgeführten Jugendchortage des Deutschen Sängerbundes.

1988 – 1993

Neu zur Bundesführung stieß im Jahre 19xx Wilfried Würke aus Karlstein, dem man die Presseberichterstattung über die Aktivitäten und Ereignisse im MSB antrug. Ein Wechsel vollzog sich auch im Frauenreferat. Ende 1991 bat die langjährige Frauenvertreterin Gudrun Berninger um ihre Freistellung von diesem Amt. Für sie, die weiterhin im Dienste des MSB dessen Archiv pflegt und ergänzt, wurde Bärbel Gruber, Partenstein, in das Führungsgremium aufgenommen. Erwähnt werden muß hier auch der Tod des Ehrengeschäftsführers Gabriel Englert im Jahre 1992.

Auf dem musikalischen Sektor sorgt weiterhin Bundeschormeister Karl Heinz Schmitt in rastlosem Bemühen und mit vollem Engagement für die Veredelung und Qualitätssteigerung des Chorgesangs. Dazu leistet die Musikakademie in Hammelburg als Unterkunftsort und Stützpunkt wertvolle Dienste. Besondere Verdienste hat hierbei auch das Organisationstalent Georg Kraus, der mit seiner Frau Imelda Hammelburg “in- und auswendig” kennt. Chöre und Einzelsänger lernen dort mit den Dozenten des MSB das “Singen nach Noten”. Sängerinnen und Sänger, Vizedirigenten und Jugendchorleiter werden von hochkarätigen Fachkräften und Referenten dort weitergeschult.

Zum zweiten Mal schon konnte der MSB eine weitere schöne Anzahl junger Leute, dieses Mal in der Hauptsache Damen, durch die Prüfung zum staatlich geprüften Laien-Chorleiter bringen. Die Urkunde hierzu verlieh Ende 1992 Hermann Leeb, Staatssekretät für Unterricht und Kultus, in der Musikschule in Aschaffenburg.

In guten Händen liegt die Verantwortung um unsere Chorjugend bei Jugendreferentin Rosi Auslbach. Als feste Institution gelten jetzt schon die alljährlich von ihr organisierten Jugendchortage, sowie begleitend dazu die Jugendchorleitertagung mit jeweils namhaften Referenten.

Den größten Zuwachs verzeichnet seit Jahren der Sängerkreis Lohr. Immer mehr Chöre aus dem dortigen Gebiet schließen sich dem MSB an.

Für die Statistik sei festgehalten, daß der MSB im September 1989 die dritte Neuauflage seines Handbuches herausgab.

Am 28.11.1992 wurde durch einstimmigen Beschluß des Bundesausschusses die Gründung eines achten Sängerkreises abgesegnet, der als “Chorkreis Untermain” die Chöre aufnehmen soll, die überörtlichen Charakter haben und nicht über eine übliche Vereinsstruktur verfügen.<

Sängerbund für das westliche Unterfranken